4 Zusammenfassung und Ausblick

Zusammenfassend sei – um diesen Hinweis letztmalig zu bemühen –  zunächst darauf hingewiesen, dass die Ausgestaltungsmöglichkeiten, Herangehensweisen und die konzeptuelle Verortung der Gemeinwesenorientierung je nach Einrichtung und Kontext unbedingt individuell zu erfassen, abzustimmen und zu entwickeln ist:  Was für die eine Einrichtung als zielführend und prioritär gilt, kann für die andere Einrichtung keine Relevanz oder gar einen Schritt in die falsche Richtung darstellen. Vor diesem Hintergrund – jedoch nicht zuletzt auch deshalb, um den Rahmen der zu verfassenden Arbeit nicht zu sehr zu strapazieren – sah der Autor weitestgehend von der Darstellung von Einzelfallbeispielen und den eigenen Erfahrungen zu den jeweiligen Themengebieten ab.

Rückblickend soll in diesem Zusammenhang auch eingeräumt werden, dass das Themenfeld wohl zu weit gesteckt ist, um in einem Rahmen wie dem gegebenen in ausreichendem Maß behandelt zu werden. Dennoch geht der Autor davon aus, dass sich nicht nur die Bedeutung und der Stellenwert, sondern eben auch die Chancen und Grenzen der Gemeinwesenorientierung in der vorliegenden Arbeit ableiten lassen.

Aus Erfahrung des Autors[1] ergeben sich die Grenzen der Gemeinwesenorientierung zu einem großen Teil aus einer fehlenden Berücksichtigung der immer wieder betonten personellen Ressource: Jede Form der Gemeinwesenorientierung ist zeitintensiv, bindet Energien und ist zwingend auf Dauer angelegt. Gerade die kleineren Einrichtungen, etwa in Form von Hausgemeinschaften, die sich schon aufgrund der geringen baulichen Größe (Bewohnerzahl häufig unter 40) auf den ersten Blick äußerlich häufig kaum vom umliegenden Quartier unterscheiden, sind meist kaum mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet. Nach der Erfahrung des Autors sind es aber doch oftmals gerade die kleineren Einrichtungen, in denen sich selbstverständliche gewordene und gelebte unternehmenskulturelle Ansätze finden lassen, die dem Verständnis der Quartiersorientierung sehr nahestehen. Dies ist sicherlich nicht zuletzt auch dem Umstand geschuldet, dass mit der Gründung einer kleineren Einrichtung eine entsprechende unternehmenspolitische Entscheidung des Trägers oder Geschäftsführers vorausgeht, d. h. die Entscheidung zur Kleinteiligkeit mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen wird häufig sehr bewusst getroffen.

Eine Refinanzierbarkeit der personellen Ressourcen, etwa durch die Implementierung einer (Teilzeit-) Stelle in Form Sozialdienstes ergibt sich meist erst bei einer Belegungsgröße ab etwa hundert Bewohnern. Aber gerade hier wirken sich die damit einhergehenden baulichen und konzeptionellen Ausrichtungen häufig zunächst nachteilig auf die Einbettung ins umliegende Quartier aus.

Neben der erforderlichen Ressourcenbindung lassen sich aus dem Grad der Bereitschaft und der Befähigung zur Entwicklung eines entsprechenden `Unterbaus` weitere häufig anzutreffende Erschwernisse bei der erfolgreichen Quartiersorientierung darstellen. In diesem Bereich liegt nach Einschätzung des Autors auch der inhaltlich komplexteste und fachlich herausforderndste Aspekt: Die beschriebene `Öffnung der Heime` stellt mit dem Blick nach innen die Initiierung und Steuerung eines Prozesses zur Herausbildung einer Unternehmenskultur und -Identifikation dar, die von möglichst allen in der Einrichtung beteiligten langfristig transportiert und weiterentwickelt werden sollte. Ähnliches gilt nach Außen: Je nach Umfeld und Kontext bedarf es auch bei der Netzwerkarbeit neben einer gewissen Feinfühligkeit und einem planungsgelenkten Vorgehen durchaus auch der Bereitschaft des `Bohrens dicker Bretter`. Bei fehlender entsprechender fachlicher Ausstattung der Einrichtung ist zumindest anfangs die Unterstützung durch eine externe Prozessbegleitung sehr zu empfehlen.

Wie bereits angesprochen, scheint das Feld der Altenhilfe nach einem über 20-jährigen relativen Stillstand in Bewegung zu kommen. Auch zunächst eher negativ zu bewertende politische Entwicklungen wie die angestrebte Verflachung des Pflegeberufes durch die generalistische Pflegeausbildung oder die zum Teil drastisch voneinander abweichenden Stellenschlüssel der Rahmenverträge der Bundesländer stoßen in der Breite der Gesellschaft in einem Ausmaß auf Interesse, wie es lange Zeit nicht denkbar schien. Auch ohne die – in Teilen scheinbar ernsthaft gewünschten – Zentralverwaltungen in Form von Pflegekammern beginnt die Pflege offensichtlich, sich zu Solidarisieren und eine Stimme zu entwickeln: Schulterschlüsse der Berufsverbände und bisher nicht gekannte Zahlen an Beteiligten bei Petitionen zu o.g. Themen lassen auch ungeachtet jeglicher politischen Positionierung das Signal erkennen, dass endlich (wieder) Bewegung in das Feld der Altenhilfe zu kommen scheint.

Auch auf politischer Ebene sind lang erhoffte positive Entwicklungen nicht von der Hand zu weisen: Das bundesweit eingeführte Pflege-Entbürokratisierungsmodell löst das bisherige defizitorientiere Pflegeprozessverständnis ab und erhebt den Anspruch, die Individualität und Selbstbestimmung zu stärken und die Wahrnehmungen und Erwartungen der zu pflegenden in den Vordergrund zu stellen. Die Beteiligung am Modell übertrifft die zu Beginn des Jahres 2015 formulierten Erwartungen für das Jahr 2016 bereits deutlich.

Der Begriff der Pflegebedürftigkeit wurde trotz aller Kritik über die Einseitigkeit und Defizitorientierung seit der Erstdefinition im Jahr 1995 nicht verändert. Mit der Einführung des PSG 2 wird die bisherige Definition der Pflegebedürftigkeit abgeschafft zugunsten einer Definition, die die Selbstbestimmtheit und die Fähigkeiten (, endlich auch unter psychischen und kognitiven Aspekten) in den Fokus der Bewertung setzt. Vor diesem Hintergrund wurde bereits mit Einführung des PSG 1 auf das Vorliegen der eingeschränkten Alltagskompetenz verzichtet, um im Sinne des §87 b SGB XI leistungsberechtigt zu sein.

Noch nicht absehbar sind die Entwicklungen des Pflegestärkungsgesetzes III (PSG 3). Ein Hauptbestandteil soll hierbei die Rückführung der Pflege zu den Landkreisen und Kommunen sein. Es zeichnet sich ab, dass inhaltlich die Stärkung der Pflege im Quartier im Vordergrund des PSG 3 stehen wird: Der Ausbau wohnortnaher Beratungs- und Fallmanagement – Strukturen, die Schaffung eines breiteren Spektrums altersgerechter Wohnformen sowie neue Formen der Abstimmung ambulanter und stationärer Versorgungsformen bilden voraussichtlich den äußerst spannenden Rahmen des PSG 3. Der Referentenentwurf soll in den kommenden Wochen, im Frühjahr 2016 vorliegen.

Von allen Seiten der Betroffenen und Beteiligten Akteure gehen die Signale zur Notwendigkeit der Öffnung der Heime aus. Die Frage nach den Chancen und Grenzen einer konsequenten Orientierung hin zum Gemeinwesen ließe sich daher auch anders formulieren: Diese Signale zu überhören, die Chancen nicht zu nutzen und auf das mitgestalten zu verzichten markiert gleichzeitig eine wesentliche Grenzmarke der stationären Altenhilfe. Diese Grenze gilt es zu überwinden – die Gemeinwesensorientierung muss als ein wesentliches Kernelement der Altenhilfe aufgefasst werden.

[1] Diese nachfolgenden Aussagen sollen dabei nicht der Verallgemeinerung und Gleichmachung dienen, sondern spiegeln die Erfahrung und Eindrücke des Autors wieder, die er nach der Kenntnis, Einsicht und Austausch zu einer Vielzahl von Einrichtungen gewonnen hat. Wie immer bestätigen Ausnahmen dabei die vermeintliche Regel.