3.2.2 Konzeptionelle Verankerung des Ehrenamtes

Die Überlegungen zur Integration ehrenamtlich engagierter Helfer ist immer eng verbunden mit Bestrebungen zur Öffnung der Einrichtungen nach außen. Das Ehrenamt ist daher untrennbar verknüpft mit der Öffentlichkeitsarbeit der Einrichtung. Freiwillige Mitarbeiter leisten einen kaum hoch genug einzuschätzenden Beitrag zur Außenwahrnehmung, denn eine positive Multiplikatorenarbeit von freiwillig engagierten Mitarbeitern stellt eine der bestmöglichen und vor allem glaubwürdigsten Formen der Öffentlichkeitsarbeit dar. Dies ist auch mit Hinblick auf die konzeptionelle Gestaltung der Anerkennungs- oder `Dankeschön -Kultur` zu berücksichtigen.

Auch hierbei wird deutlich, dass die Verantwortung zur Verortung von Organisation und Koordination des ehrenamtlichen Engagements im obersten Leitungsbereich der Einrichtung anzusiedeln ist. Ein Großteil der Themenfelder im Bereich des Ehrenamtes stellt eine direkte Schnittstelle zum normativen Management dar. Eine entsprechende konzeptionelle Verortung und damit einhergehende Verankerung der Organisationskultur und -entwicklung erscheint daher als unbedingt notwendig.

Für die Konzeption zum ehrenamtlichen Engagement ist es sicherlich nicht erforderlich, das Rad neu zu erfinden. Wichtig ist aber eine individuell auf die Einrichtung bezogene Planung, die sich an den Möglichkeiten und Angeboten orientiert und klärt, welche Ziele mit dem Einsatz ehrenamtlicher Helfer erreicht werden sollen. Da selbst in kleinen Einrichtungen häufig eine Vielzahl von ehrenamtlich engagierten Mitarbeitenden tätig sind, erhält die Planung und die sinnvolle Koordination der ehrenamtlichen Arbeit entsprechend an Bedeutung.

In einem Bereich, in dem die Notwendigkeit des ehrenamtlichen Engagements auch stark im Zusammenhang mit knapper werdenden Ressourcen thematisiert wird und in diesem Zusammenhang eine zunehmende ökonomische Bedeutung gerade auch dem Feld der Pflege zugesprochen werden muss, ist eine klare Umschreibung der Tätigkeitsformen der dort tätigen ehrenamtlichen Helfer dringend angezeigt. Es kann sonst die Gefahr bestehen, dass das ehrenamtliche Engagement verwendet wird, um sozialstaatliche Leistungslücken zu schließen und die Grenzen professioneller Tätigkeiten zu kompensieren. Daher sind berufliche Formen von Dienstleistungen klar von freiwilligen Unterstützungsleistungen abzugrenzen (vergl. auch DEIß / POSTEL 2014: 37 f). Auch mit Blick auf die beteiligten Gruppen der beruflich wie auch der ehrenamtlich tätigen ist eine Differenzierung der Tätigkeitsbereiche erforderlich, um etwaiges Konfliktpotential zu vermeiden: Die Erfahrung zeigt, dass eine fehlende Abgrenzung für beide Gruppen häufig negative Auswirkungen hat. So besteht die Gefahr, dass bei fehlender Abgrenzung und fehlender Kenntnis und Kommunikation (und ggf. auch Schulung) des konzeptuellen Hintergrundes sich die ehrenamtlichen Helfer leicht als billige Arbeitskräfte ausgenutzt fühlen, während die professionell tätigen die „Einmischung“ der Freiwilligen schnell als Bedrohung empfinden können.

BRANDENBURG macht in diesem Zusammenhang auf den Widerspruch aufmerksam, dass sich die Heime einerseits einen Mehrwert durch die Ehrenamtlich Engagierten erhoffen, indem sie diese in ihre Einrichtung, in ihre Organisation und Abläufe integrieren. Andererseits besteht von Seiten der freiwilligen Helfer der Anspruch auf Selbstbestimmung und Mitgestaltung. Es stellt sich also die Herausforderung, eine für alle Seiten faire und zufriedenstellende Aushandlung zu erreichen.

Es ist ebenso wichtig wie hilfreich, dass Verständnis und das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass eine Zusammenarbeit dann gelingt, wenn sich alle Beteiligten grundsätzlich auf das Neue, Gemeinsame einstellen können. Die Vernetzung und gegenseitige Kooperation der beteiligten Gruppen gelingt am ehesten dann, wenn sie nicht nur aus der eigenen Perspektive und dem Eigeninteresse definiert wird, sondern die wechselseitige Anerkennung im Vordergrund steht (vergl. BRANDENBURG 2010: 33 ff).

Dabei sind die Möglichkeiten zum ehrenamtlichen Engagement im Bereich der Altenhilfe breit gefächert. Eine Konzeption soll auch dazu dienen, die möglichen Felder des Ehrenamtes zu erkennen und gezielt zu entwickeln.  NANTSCHEFF weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass bei der Konzeption auch zu beachten ist, dass ein Netzwerk immer abhängig ist von seinen Beteiligten – „[…] und engagementbereite künftige Freiwillige sind ein wichtiger Teil davon. Sie sind als Mitwirkende allerdings zu wertvoll, um sie allein dafür zu gewinnen und einzusetzen, wofür das Netzwerk bzw. die darin verankerten Einrichtungen sie „im Moment gut gebrauchen können“. Mitwirkende sollten nach ihrem Potenzial und Talent eingesetzt und behandelt werden, bspw. als Unterstützer, als Förderer, als Berater oder als Begleiter. Aber auch als Botschafter, als Empfehler und als Kontakter können Sie wertvolle Arbeit leisten“ (NANSCHEFF 2010: 61). Daher sollten Freiwillige nicht als homogene Gruppe, sondern als individuelle Menschen gesehen, angesprochen und eingebunden werden. Hierbei sollte die Brücke geschlagen werden hin zu einer Perspektive, durch die nicht nur die Einrichtung und / oder deren jeweilige Bewohner im Fokus stehen, sondern auch die (ehrenamtlich) Mitarbeitenden mit ihren Motiven. (vergl. NANTSCHEFF 2010: 62 f). Das hierbei entstehende Gefüge wird aufgrund seiner Einzigartigkeit in der Zusammenstellung und Interaktion der beteiligten Akteure immer auch eine entsprechend individuell entwickelte Konzeption erfordern.

In diesem Zusammenhang sei abschließend darauf hingewiesen, dass eine tragfähige und nutzbare Konzeption im wahrsten Sinne `auf dem Boden der Realität` verankert und kritisch hinterfragt sein muss: Eine idealisierte Verschriftlichung, die an der Realität vorbeiführt, kann in ihren Folgen vielleicht noch nachteiliger sein als eine Idealisierung des Status quo. Mit Blick auf die Bewohnerschaft ist daher sicherlich kritisch zu hinterfragen, was und in welchem Umfang überhaupt den Bedürfnissen entspricht. Mit Blick auf die Möglichkeiten zur Gestaltung engagementfördernder Strukturen stellt sich zudem die entscheidende Frage, ob überhaupt und wenn ja, wie viele Ressourcen und zu welchem Preis denn tatsächlich genutzt werden können. Denn der Bürger, der geistige und materielle Selbständigkeit mit dem aktiven Engagement fürs Gemeinwesen verbindet, ist zunächst vor allem in der Vorstellungswelt konservativer und neoliberaler Leitartikelschreiber lebendig (vergl. Schäfer 2009: 242). Die soziale Wirklichkeit vor Ort muss im jeweiligen Einzelfall betrachtet werden, um dann die Möglichkeiten individuell abzuleiten.