3.1.2 Wir im Quartier: Vernetzung

STEINER weist auf die Notwendigkeit hin, dass stationäre Einrichtungen nicht mehr länger als ruhige Inseln begriffen werden können. In diesem Zusammenhang verweist sie unter anderem auf die Forderung des KDA zu einem Kurswechsel hin zu mehr Partizipation und zu kleinräumigen und kleingliedrigen Netzen (STEINER 2010: 7).

Auch KOTTNIK sieht sektorales Denken im Bereich der stationären Altenhilfe in einer Sackgasse. Sie betont die Bedeutung und Notwendigkeit zur Öffnung von Einrichtungen der stationären Altenhilfe ins Gemeinwesen und bewertet hierfür die Netzwerkarbeit als ein unverzichtbares Merkmal für eine generationenförderliche Gemeinwesenorientierung (vergl. KOTTNIK 2011: 5 ff).

Die bisherigen Ausführungen verdeutlichen den zentralen Stellenwert der Netzwerkarbeit für die gemeinwesenorientierte stationäre Altenhilfe. Doch wozu sind Netzwerke wichtig? Was sind sie in der Lage zu leisten? Welche Voraussetzungen sind notwendig?

Ganz allgemein kann ein Netzwerk verstanden werden als eine Struktur aus Einzelpersonen, Organisationen und sonstigen Gruppierungen, die in einer (auch unbewussten) Beziehung zueinander stehen. Jeder Teilnehmende des Netzwerkes kann hierbei als Knotenpunkt aufgefasst werden, der die Möglichkeit besitzt, mit anderen Mitgliedern des Netzwerkes in Kontakt zu stehen. Der Form der Netzwerkstruktur sind kaum Grenzen gesetzt: Von privaten und familiären bis hin zu global ausgerichteten Strukturen mit festen oder veränderlichen Größen, von zufällig entstehenden bis hin zu komplex geplanten Netzwerkstrukturen sind nahezu alle Formen denkbar. Auch hinsichtlich der zeitlichen Dimension bestehen grundsätzlich nahezu keine Grenzen.

Allen denkbaren und unterschiedlichsten Formen von Netzwerken ist jedoch gleiches gemeinsam: Die Verbindung des Netzes, also der Zusammenhalt der jeweiligen Knoten, erfolgt stets durch das Medium der Kommunikation. Die Gestaltung und Ausprägung der Kommunikationsebenen und -formen innerhalb eines Netzwerkes ist daher für die Existenz eines Netzwerkes von grundlegender Bedeutung.

Für die Gemeinwesenorientierung kann die Netzwerkarbeit als unbedingte Grundlage aufgefasst werden. Mit Blick auf den vorliegenden Bezugsrahmen, der »Suche nach den „Wegen aus der Zitadelle“« im Sinne der »Öffnung der Heime« in das Umfeld, des Austausches und des aktiven In-Beziehung-Tretens mit der Mitwelt, sind die möglichen Formen der Koordination zur Interaktion dabei zu umfangreich, als dass eine Abbildung denk- und durchführbarer Netzwerkkonzeptionen darstellbar wäre. Sinnvoller ist sicherlich, im jeweils konkreten Einzelfall die Zielformulierung festzulegen und daraus ableitend den Aufbau und die Gestaltungsmöglichkeiten, die Rollenteilung und die Steuerung des Netzwerks zu eruieren. Auch hier gilt es, den Bedarf an Ressourcen nicht zu unterschätzen. Neben personellen, materiellen, zeitlichen und monetären Aspekten ist sicherlich auch die Implementierung des erforderlichen Know-hows für die Netzwerkarbeit von großer Bedeutung. So sind die unterschiedlichen strukturellen Rahmenbedingungen auf den verschiedenen sozialen Ebenen des Gemeinwesens zu berücksichtigen. Auch im Umgang mit den im Gemeinwesen angesiedelten verschiedenen Systemen und Systemebenen – unabhängig ob politischer, administrativer oder privater Natur – sollten die jeweiligen Verfahrensbesonderheiten Berücksichtigung finden, um das Netzwerk in seiner Breite und Tiefe zu stabilisieren (SCHULZ 2009: 87 ff).

VanDamme fasst die Bedeutung von Netzwerken folgendermaßen zusammen:

1) Netzwerke bilden einen Ressourcenpool für Wissen, Kreativität, Erfahrung und Infrastruktur.

2) Netzwerke stellen Zugang her, bündeln Informationen und Kontakte.

3) Netzwerke entwickeln fachliche Qualität mithilfe und durch den Erfahrungsaustausch, sowie der Formulierung von Bedarfen.

4) Netzwerke bilden Meinung, insbesondere, wenn sie kampagnenfähig sind.

(vergl. VANDAMME 2010: 69)

 

Mit Blick auf die derzeit häufig vorherrschenden Netzwerkstrukturen in diesem Setting weist HALLENSLEBEN darauf hin, dass in den letzten Jahren aufgrund der Fülle unterschiedlichster medizinischer, pflegerischer, betreuender und hauswirtschaftlicher Versorgungsangebote eine Vielzahl von Beratungsangeboten entstanden sind, die aber in der Gesamtschau meist eher als einzelne Puzzleteile denn als umfassende Lösung angesehen werden können (vergl. HALLENSLEBEN 2008: 18).

Zur Zustandsverbesserung gibt und gab es unterschiedlichste Ansätze. Gemeinsames Merkmal aller Bestrebungen zur möglichst optimalen Verknüpfung der unterschiedlichsten Angebote und Möglichkeiten stellt die Netzwerkarbeit dar, die als Dreh- und Angelpunkt der Konzeptionen die Grundlage für eine erfolgreiche Realisierung bildet. Als ein Beispiel für eine individuelle Zusammenstellung und Verknüpfung von Versorgungsangeboten führt HALLENSLEBEN die Regelung zu den sogenannten Pflegestützpunkten auf, die im Jahre 2008 im Rahmen des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes durch die damalige Bundesregierung verabschiedet wurde. Hierdurch sollten wohnortnahe Versorgungsangebote so miteinander koordiniert und vernetzt werden, dass im Rahmen eines Gesamtkonzeptes eine aufeinander abgestimmte Versorgung ermöglicht wird. Das Aufgabenspektrum der Pflegestützpunkte erstreckte sich hierbei über Beratungsleistungen zu Sozialleistungen und wohnortnahen Hilfsangeboten, Koordinierung von wohnortnahen Unterstützungsangeboten im pflegerischen, kurativen und auch präventiven Bereich sowie die Vernetzung und gegenseitiger Abstimmung der Versorgungs- und Betreuungsangebote (vergl. HALLENSLEBEN 2008: 18 ff).

Die Koordination der Kooperation mehrerer unabhängiger Akteure innerhalb eines Beziehungsnetzes mit dem Ziel einer einzelfallorientierten Abstimmung und Verbesserung des Versorgungsangebotes im Sinne eines Case- und / oder Care- Managements stellt (zumindest in Teilen) einen erfolgreichen Ansatzpunkt zur Quartiers-und wohnortnahen Verbesserung der Versorgungsstruktur dar.

Ein weiteres Beispiel zur Quartiers- und Gemeinwesenorientierung stellt das CBT-Haus Upladin in Leverkusen dar. Hier wurde ein ehemals klassisches Pflegeheim in Anlehnung an den Ansatz der KDA-Quartiershäuser in eine generationenübergreifende Anlaufstelle mit breit gefächertem Beratungs- und Kulturangebot entwickelt. Die Öffnung ins Quartier erfolgt als Akteur der Leistungserbringung der stationären Altenhilfe zum Einen durch einen Mix aus vollstationärem Versorgungsangebot, Kurzzeitpflege, Tagespflege und integrativem betreutem Wohnen. Darüber hinaus wird das Versorgungsangebot verknüpft mit einem umfangreichen Angebot an sozialen, kulturellen und politischen Aktivitäten und Veranstaltungen. Diese Angebote richten sich explizit an die umliegende Öffentlichkeit. Neben der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben entstehen so vielfältige Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Austausch und zum sozialen Engagement.

Bei diesem Beispiel wird der erforderliche Umfang und die Tiefe der konzeptuellen Verortung deutlich, die die Aufgabenstellung einer Umwandlung eines klassischen Pflegeheims hin zu einem gemeinwesenorientierten „Quartierszentrums“ mit sich bringen kann. So wurde im CBT-Haus Upladin im Vorfeld des Projektes eine Fördergruppe gegründet, mit deren Hilfe durch Umbaumaßnahmen zusätzliche Räumlichkeiten für die Quartiersausrichtung zur Verfügung gestellt werden konnten. Des Weiteren wurden Projektgruppen gegründet, die sich mit den Arbeitsfeldern Umfeld- und Bedarfsanalyse, Leistungsangebote, Preismanagement, Kommunikation und Marketing beschäftigte (vergl. PAULS / ZOLLMARSCH 2015: 40).

Die Analyse des eigenen Ist-Standes sowie des Umfeldes ist Voraussetzung, um eine Verortung der Einrichtung innerhalb des Gemeinwesens vornehmen zu können. Nur durch Kenntnis und Auseinandersetzung mit den gegebenen Rahmenbedingungen und der Verortung des eigenen Stellenwertes –  hier insbesondere auch mit Blick auf bereits bestehende Dienstleistungsstrukturen und Vernetzungen – ist es möglich, Doppelstrukturen im Quartier zu vermeiden und in Kooperation und Koordination mit den verschiedensten externen Akteuren ein Netzwerk zu entwickeln, in dem die Versorgungsqualität, Bedarfsorientierung, Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Stabilität nicht durch bloße Positionierung des eigenen Angebotes, sondern durch Nutzung von Synergieeffekten und Kooperationen gemeinsam erreicht und im gegenseitigen Austausch weiterentwickelt wird.

Die sich hierbei ergebende Möglichkeit, eine Flexibilität und Innovationsfähigkeit in konsequenter Ausrichtung an den Bedarfslagen aller vom Netzwerk Betroffenen und der im Netzwerk Beteiligten zu erreichen, bildet den immensen Anreiz und die große Stärke der Netzwerkarbeit in der Gemeinwesensorientierung.