Mit Blick auf die Bewohnerschaft von Einrichtungen der stationären Altenhilfe kann zunächst davon ausgegangen werden, dass jede/r Bewohner nahezu zeitlebens eingebettet ist in ein soziales Netzwerk und umgeben von sozialen Strukturen mit den unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen an Verbindungen, Kontakten und Beziehungen zu seiner Umwelt. Nach den oben getroffenen Ausführungen zur Begrifflichkeit des Gemeinwesens kann gefolgert werden, dass jeder Bewohner einen Bestandteil (s)eines mitmenschlichen Umfeldes, also eines Gemeinwesens darstellt. Dies lässt den Schluss zu, dass dem Einbezogensein in ein soziales Umfeld eine prioritäre Bedeutung zukommt: Vor dem Hintergrund der bisher getroffenen Ausführungen des Kapitel 2 kann davon ausgegangen werden, dass das Teil – Sein einer Gemeinschaft, vornehmlich durch die Form des Austausches und der Interaktion mit den jeweiligen Lebenswelten zur individuellen und subjektiv empfundenen Prägung, zur Identifikation und Verortung der eigenen Person maßgeblich beiträgt.
„Ich werdend spreche ich du“, „alles wirkliche Leben ist Begegnung“ – dem dialogischen Prinzip von MARTIN BUBER folgend kann festgehalten werden, dass der Prozess der Identitätsbildung und -entwicklung allem voran im Austausch mit dem ihn umgebenden und beeinflussenden Umfeld stattfindet, da erst durch die Relation zur Umwelt das Selbstbild entsteht. Soziale Interaktion im Sinne der Vernetzung mit der Mit- und Umwelt kann daher als immanent für die eigene Identität gewertet werden. Vor dem Hintergrund dieser Ausführung und der in den Kapiteln dingens erfolgten Begrifflichkeitsfindungen erscheint die Einbettung und die Beziehung zu einem Gemeinwesen für die Persönlichkeitsbildung und -Erhaltung als prioritär. Die Aufrechterhaltung, Neuknüpfung und Entwicklung sozialer Kontakte kann daher für die subjektiv empfundene Lebensqualität als von herausragender Bedeutung bezeichnet werden. Auch DÉSENFANT weist in diese Richtung: „Ein fundamentales Bedürfnis eines jeden Menschen ist das Gefühl, etwas einmalig Wertvolles zu sein. Jeder Mensch braucht dieses Gefühl, jeder Mensch braucht seine eigene Rolle in seinem sozialen Umfeld“ (DÉSENFANT 2014: 43).
Bezüglich der Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeiten der Bewohner von Einrichtungen der stationären Altenhilfe könnte zunächst davon ausgegangen werden, dass mit Blick auf personen- und / oder krankheitsgebundene Faktoren im Vergleich zur bisherigen Situation durch den Einzug in ein Heim eine positive Auswirkung auf die Möglichkeit zu sozialen Kontakten erreicht werden kann, da durch die räumliche Nähe und damit einhergehenden häufigen Kontaktmöglichkeiten grundsätzlich positive Auswirkungen auf die Entwicklung sozialer Beziehungen angenommen werden können. Die pflegefachliche Versorgung entlang eines individuell geplanten Pflegeprozesses könnte aufgrund einer Stabilisierung oder gar Verbesserung der gesundheitlichen Situation diesen Effekt sogar verstärken.
Auch kann als gesichert gewertet werden, dass von Seiten der Leitung, Träger und Betreiber von Einrichtungen der stationären Altenhilfe die Bedeutung der Gemeinwesensorientierung grundsätzlich bewusst ist und auch der Stellenwert entsprechend eingeschätzt wird.
Zumindest ist das Bewusstsein für die Wichtigkeit einer ansprechenden Milieugestaltung – etwa in Form einer angenehmen Wohnatmosphäre oder entsprechender Gestaltung der Gemeinschafts- und Aufenthaltsbereiche, die verschriftlichten Bekundungen zur konzeptionellen Verankerung von Betreuungsleistungen, das Veranstalten von Festen und Feierlichkeiten – in einer Vielzahl der Einrichtungen in durchaus starker Ausprägung vorhanden. Darüber hinaus ist wie in Kapitel 2.2.1 bereits erwähnt, die Orientierung und Einbindung der Einrichtung an das Gemeinwesen explizit im Bereich der Altenhilfe (SGB XII) verankert – die Weichen für die Gemeinwesenorientierung sind also auch hier bereits gestellt.
Auch scheint die Gemeinwesensorientierung für Einrichtungen der stationären Altenhilfe allein schon aufgrund strategischer Überlegungen als zielführend, da sich hierdurch positive Auswirkungen auf den Ruf und die Bekanntheit und damit Verbesserungen der Wettbewerbssituation erzielen lassen.
All diese Herleitungsansätze legen den Rückschluss nahe, dass Einrichtungen der stationären Altenhilfe ohnehin bereits als zentrale Knotenpunkte der sie umgebenden Gemeinwesen und Quartiere gelten müssten.
Dennoch ist das weitläufig kommunizierte Bild von Alten- und Pflegeheimen häufig ein entgegengesetztes: Einrichtungen der stationären Altenhilfe gelten in der Außenwahrnehmung häufig als von der Außenwelt isolierte Inseln, als Ort der Vereinsamung und der sozialen Kälte, nach wie vor häufig und gern in Zusammenhang gebracht mit der so oft zitierten Institution im GOFFMAN’schen Sinn.
Es stellt sich daher weniger die Frage nach den Aspekten einer Abwägung, ob die Öffnung zum Gemeinwesen eventuell erfolgen sollte. Vielmehr wird auf Grundlage der Erkenntnis, dass die Gemeinwesenorientierung eine Notwendigkeit darstellt und die Umsetzung daher forciert werden soll, der Frage nachgegangen, welche Faktoren hierbei zu berücksichtigen sind und welche Auswirkungen von der Gemeinwesenorientierung ausgehen können.
Bei dieser Fragestellung handelt es sich inhaltlich um ein sehr weit gefasstes Feld, welches in wesentlichen Teilbereichen kaum erforscht ist. Es besteht daher nur wenig gesichertes und allgemeingültiges Wissen (beispielsweise kann hier als Stichwort die Frage nach den Gründen für Vereinsamung im Pflegeheimen angeführt werden). Daher ist der Themenbereich der Arbeit recht offen gehalten, um hierdurch einen breiteren Blickwinkel zu erhalten. Aus diesem Grund ist eine explizite Hypothesenformulierung nicht vorgesehen. Auch soll keine verbindlich geltende Aussage für einen definierten Geltungsbereich getroffen werden. Die Arbeit hat also einen eher explorativen Charakter, d. h. im Vordergrund steht die Erkundung des Feldes in Form einer Informationssammlung.
Blickwinkel und Schwerpunktsetzung entsprechen hierbei dem des Studiengangs des Autors. Im Fokus der Betrachtung steht daher vor allem die Organisation und Führung von Aufgaben und Abläufen. Vor diesem Hintergrund soll der Frage nach Chancen und Risiken der Gemeinwesenorientierung für Einrichtungen der stationären Altenhilfe nachgegangen werden.
