Mit dem Begriff der Gemeinwesenarbeit verhält es sich ein wenig wie mit dem Begriff der Moral -irgendwie sind alle dafür, aber so richtig halten mag sich niemand daran. So ist auch die Begriffsbestimmung ähnlich undifferenziert und schwammig (vergl. HINTE 2011: 7ff; REUTLINGER 2015: o. S.). Hierdurch lassen sich die inhaltlichen Zuordnungen viel Spielraum zu. Dementsprechend schwierig gestaltet sich eine Abbildung der Geschichte der Gemeinwesenarbeit.
Der historische Ausgangspunkt für die Gemeinwesenarbeit in Europa ist mit der Veränderung der gesellschaftlichen Klassen im Zuge der Industrialisierung zu sehen. Durch die Armut des Industrieproletariats wurden Stimmen laut, die häufig prekäre Lebenssituation der sog. Unterschicht zu verbessern. Diese Situation legte den Grundstein für die im späten 19. Jahrhundert entstandene Settlement – Bewegung in Großbritannien. Die Settlement – Arbeit, meist erbracht durch das Bildungsbürgertum in Form von Unterstützungs- und Weiterbildungsangeboten für die Bewohner der Elendsviertel, diente einerseits der Förderung des Selbsthilfepotentials. Darüber hinaus erwirkte die Settlement – Bewegung auch auf staatlicher Ebene große Erfolge, hier besonders im Bereich der Sozialgesetzgebung. Während die Settlement-Bewegung sich bald erfolgreich in den im amerikanischen Raum ausbreitete, gelang eine erfolgreiche Ausweitung im deutschsprachigen Raum zunächst nicht (vergl. ROTHSCHUH / SPITZENBERGER 2010: 77 ff).
Für Deutschland können die Anfänge der Gemeinwesenarbeit – zumindest im Sinne der konzeptuellen Kontexte, wie sie vor dem Hintergrund dieser Arbeit zu verstehen sind – in den Zeitraum der späten 1960er Jahre verortet werden. Der Beginn der Gemeinwesenarbeit in Deutschland erfolgte dabei zunächst vor allem in Form einer eher unreflektierten Übernahme von Modellen aus dem amerikanischen und skandinavischen Raum (vergl. REUTLINGER 2011: o. S.).
Wie aus den bisherigen Beschreibungen hervorgegangen ist, gilt die Verbesserung der Lebenslagen als ein grundlegendes Ziel der Gemeinwesenarbeit. Dies sollte von Beginn an vor allem gelingen durch die Förderung der Selbstorganisation sowie durch den Auf-, bzw. Umbau der materiellen und sozialen Infrastruktur. Dementsprechend stark gebunden sind Systematik und Methodik der Gemeinwesenarbeit an die jeweils vorherrschenden politischen und gesellschaftlichen Kontexte. Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend, dass der Import von Konzepten nur wenig erfolgreich verlief. Auch OELSCHLÄGEL verweist darauf, dass Gemeinwesenarbeit mit der alltäglichen Daseinsgestaltung zu tun hat und entsprechend eingebettet sein muss in die gesellschaftlichen Verhältnisse (vergl. OELSCHLÄGEL 2011: 43).
Die begrenzte Eignung der übernommenen Modelle führte schließlich zur eigenen Konzeptbildung der Gemeinwesenarbeit in Deutschland. Im Rahmen der Gesellschaftlichen Umbrüche und sozialer Bewegungen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre zielten die Bestrebungen der Gemeinwesenarbeit allerdings zunächst in unterschiedliche Richtungen.
So versuchten sich Formen der »aggressiven Gemeinwesenarbeit« durch den `solidarischen Zusammenschluss von Minderheiten` an der Schaffung veränderter Gesellschaftsstrukturen. Die »Integrative Gemeinwesenarbeit« hingegen legte nach dem Motto `Einheit in der Verschiedenheit` den Fokus auf die harmonische Ausrichtung aller Interessengruppen auf das Gemeinwohl. „Kurz: GWA wurde zu einem undifferenziert benutzten und schwammigen Begriff – gleichzeitig schien es so, wie wenn Kommunen Projekte der GWA ignorierten oder gar bekämpften. […] Das Resultat: die GWA fristete meist ein Randgruppendasein“ (HINTE in REUTLINGER 2011: o. S.).
Nach OELSCHLÄGEL führte die im Rahmen der Gemeinwesenarbeit häufig formulierte »Suche nach kollektiver Betroffenheit«, oder die »Organisation von Gegenmacht« sowie der »Kampf gegen das Establishment« zu einer nachhaltigen Irritation des Bürgertums (vergl. OELSCHLÄGEL 2011: 7). So kam es nach REUTLINGER „Anfang der 1980er Jahre zum einen dazu, dass Gemeinwesenarbeit wegen Aufständigkeit, Eigenbrötelei und Profilneurose, methodischen Schwächen und theoretischer Schwindsucht und finanzieller Auszehrung und politischer Disziplinierung totgesagt wurde“ (REUTLINGER 2011: o. S.).
Ab etwa den 1980er Jahren wurde der Begriff der Gemeinwesenarbeit eher gemieden. Weiter wurden dennoch teils erfolgreich Versuche unternommen, die Methoden der Gemeinwesenarbeit unter veränderten Begrifflichkeiten wie beispielsweise der `Stadtteilarbeit` oder der `Quartiersentwicklung` fortzuführen.
Zum heutigen Stand führt REUTLINGER aus, dass die Inhalte und Prinzipien der Gemeinwesenarbeit zunehmend wieder aufgenommen werden und `gemeinarbeiterische Charakteristika` sich in unterschiedlichsten Disziplinen wiederfinden – dies jedoch mit dem Unterschied, dass Gemeinwesenarbeit heute weniger im Sinne einer sozialen Widerstandsbewegung zu verstehen ist, sondern eher als „Reform von Oben“, die durch Politik und Verwaltung angestoßen wird. REUTLINGER wagt hierauf die Fragestellung ob es denn möglich ist, dass die besseren Argumente eingesehen wurden und heute die Zeit tatsächlich reif ist für Gemeinwesenarbeit (vergl. REUTLINGER 2011: o. S.).
