Die Begriffsbestimmungen zur Gemeinwesenarbeit unterliegen analog zum Begriff des Gemeinwesens ähnlich vielen sowie ebenso unterschiedlichen semantischen Färbungen. Verständnis und Aufgabe der Gemeinwesenarbeit unterliegt hierbei vor allem den jeweils `zeitgeistlichen` vorherrschenden gesellschaftlichen und politischen Kontexten.
So führt auch WEIL zur Begriffsbestimmung der Gemeinwesenarbeit aus, dass hierzu widersprüchliche Verständnisse bestehen und eine allgemein gültige Definition bisher fehlt. Vor allem abhängig vom jeweiligen politischen Hintergrund können verschiedenste Auffassungen von Gemeinwesenarbeit von integrativ-fürsorgerischen bis hin zu eher technokratischen Färbungen, aber ebenso auch aggressive, emanzipatorische oder basisdemokratische Varianten der Gemeinwesenarbeit bestehen (vergl. WEIL 2010: 6).
Auch STOIK gibt an, dass zu dem Begriff der Gemeinwesenarbeit widersprüchliche Verständnisse bestehen und eine allgemein gültige Definition fehlt. Sowohl in Bezug auf die räumlichen Dimensionen wie auch hinsichtlich angewandter Methoden und den zugrundeliegenden theoretischen Bezügen herrschen Unklarheiten. In einer Begriffsbestimmung betont STOIK, dass Gemeinwesenarbeit die Handlungsfähigkeiten und die jeweiligen strukturellen Bedingungen betrachtet. „Ausgangspunkt des professionellen Handelns sind individuelle Bedürfnisse, der physische und der soziale Raum. Das professionelle Handeln richtet sich einerseits an die Menschen im physischen und sozialen Raum und der Erweiterung der Handlungsfähigkeit“ (STOIK 2010: o. S.).
STOIK weist darauf hin, dass die Gemeinwesenarbeit in zivilgesellschaftlicher Verankerung steht und damit sowohl lebensweltliches und kommunikatives Handeln, wie auch staatliches Handeln umfasst. In Bezug auf die Inhalte und Aufgaben der Gemeinwesenarbeit verweist STOIK auf das Raumverständnis im Sinne von BOURDIEU und betont, dass es auch Aufgabe der Gemeinwesenarbeit ist, die Interessen aus den Lebenswelten in politischen und ökonomischen Systemen zu verhandeln. (vergl. STOIK 2010: o. S.)
HUMMEL beschreibt die Gemeinwesenarbeit als den fortgesetzten Versuch, benachteiligte und ausgesonderte Gruppen zu unterstützen sowie entfremdete Strukturen zu verändern. Bezogen auf den überschaubaren Raum des direkten Umfeldes soll dies durch demokratische Selbstverwaltung erreicht werden. Gemeinwesenarbeit ist mit Blick auf einen „größeren räumlich – sozialen Zusammenhang […] der pädagogische Teil einer politischen Strategie, der auf die Befähigung aller Mitlieder im Gemeinwesen, nicht nur der benachteiligten“ abzielt (HUMMEL 1982: 97). Als Entscheidend für die Gemeinwesenarbeit werden hierbei die externen und internen »Themen« des Gemeinwesens genannt. Hierunter versteht HUMMEL das Selbstverständnis einer Stadt gegenüber dem Umland sowie deren intern ausgetragenen Hauptauseinandersetzungen. HUMMEL sieht in diesem Zusammenhang die Erschwernis, dass es sich bei diesen »Themen« um nicht direkt greifbare und daher schwer messbare Werte handelt. Dennoch sind es nach HUMMEL häufig diese oberflächlichen Zuschreibungen, die prägend sind für die Handlungs- und Konfliktmuster der meinungsbildenden Eliten: Die jeweiligen Parteien, Initiativen, Vereine und die Wohnungskultur entscheiden über die Lebens- und Integrationsfähigkeit von Stadtteilen. Vor diesem Hintergrund betont HUMMEL, dass eine Definition von Gemeinwesenarbeit zwingend viel Raum lassen muss: Die Methodik und die Inhalte von Gemeinwesenarbeit müssen stets in Abhängigkeit und Austausch mit dem jeweiligen Kontext festgelegt werden (vergl. HUMMEL 1982: 97 ff).
Auch STIMMER führt in einer Begriffsbestimmung aus, dass Gemeinwesenarbeit heute als ein übergreifendes handlungsleitendes Konzept verstanden wird, in das viele unterschiedliche Methoden und Verfahren integrierbar sind. Hierbei ist die Gemeinwesenarbeit vor allem „auf die Strukturprobleme der Lebenswelt von Menschen fokussiert, wobei gesamtgesellschaftliche Aspekte je nach Ausrichtung mehr oder weniger thematisiert […] und als Ziel der Veränderung für die soziale Arbeit gesehen werden“ (STIMMER 2006: 86). Im Vordergrund steht hierbei die Ausrichtung auf regionale Einheiten. Als sozialräumliche Strategie stehen weniger einzelne Individuen, sondern Stadtteile im Mittelpunkt. Gemeinwesenarbeit versteht sich hierbei immer als Netzwerkarbeit. Die Mediation zwischen Lebenswelten und Institutionen ist dabei ein Kernelement der Gemeinwesenarbeit (vergl. STIMMER 2006: 86 ff).
Auch LÜTTRINGHAUS führt an, dass Gemeinwesenarbeit immer zur Erfassung und Berücksichtigung der Lebenswelten der Adressaten aufgefordert sein muss (LÜTTRINGHAUS 2007: 41). Der Begriff der »Lebenswelt« wird hierbei im Sinne von OELSCHLAEGEL und „in Anlehnung an die Kritische Psychologie als Summe unserer Optionen als „Möglichkeitsraum“, der aus der Schnittmenge von objektiven Rahmenbedingungen und der jeweiligen subjektiven Einschätzung des Menschen (Binnenperspektive) entsteht“ verstanden (OELSCHLAEGEL 20011: 41). Handlungen der Akteure innerhalb des Möglichkeitsraumes geschehen im HABERMAS`schen Verständnis durch einen Abgleich der objektiven und subjektiven Kriterien; durch die hierbei ständig notwendigen Interpretationsleistungen verändert sich auch die Lebenswelt und damit der Horizont der Handelnden. OELSCHLAEGEL folgert hieraus, dass Veränderungen von Lebenswelten also durch Lernprozesse angestoßen werden (vergl. OELSCHLÄGEL 2011: 42 ff). Dies impliziert ständigen Wandel und Entwicklung.
Nach OELSCHLAEGEL gilt die Lebenswelt damit als „der Ort, wo das Individuum oder die Gruppe handelt. Sie ist der Raum täglicher Aktionen der Menschen. […] Lebenswelt zu verstehen, heißt den Vermittlungsprozess zwischen Gesellschaft und Individuum aufzuschlüsseln“ (OELSCHLAEGEL 2011: 44). Die Herausstellung und Berücksichtigung des Lebensweltkonzeptes als Merkmal der Gemeinwesenarbeit sieht OELSCHLAEGEL als dringend geboten, um hiermit die Zielformulierung der Gemeinwesenarbeit um eine notwendige Synthese von Außen- und Innensicht ergänzen zu können (OELSCHLAEGEL 2011: 45 f).
In einer weiteren Begriffsbestimmung führen STÖVESAND / STOIK aus, dass sich Gemeinwesenarbeit ganzheitlich auf die Lebenszusammenhänge von Menschen richtet. Die „Verbesserung von materiellen (z.B. Wohnraum, Existenzsicherung), infrastrukturellen (z.B. Verkehrsanbindung, Einkaufsmöglichkeiten, Grünflächen) und immateriellen (z.B. Qualität sozialer Beziehungen, Partizipation, Kultur) Bedingungen unter maßgeblicher Einbeziehung der Betroffenen“ werden hierbei als grundlegende Zielsetzungen benannt. Zur Erreichung des Zieles stehen neben der Förderung der Handlungsfähigkeiten der Betroffenen ein Aufbau von Netzwerken und Kooperationsstrukturen im Vordergrund. Gemeinwesenarbeit ist somit immer sowohl Bildungsarbeit als auch sozial- bzw. lokalpolitisch ausgerichtet (STÖVESAND / STOIK 2015: o. S.).
